Der von der BaZ lancierte "Bildungskrieg"
Im Vorfeld der Abstimmung über das Bildungskleeblatt im Kanton Aargau und als letzter Anstoss zu der Ende Mai ablaufenden Vernehmlassung zur Vorlage "HarmoS, Bildungsraum und Sonderpädagogik" in den Kantonen BL und BS lässt die BaZ in ihren Ausgaben vom 4. und 5. Mai 09 den Kinderpsychiater Michael Winterhoff und den Kinderarzt Remo Largo - beide Bestsellerautoren - zu Wort kommen. Auffällig dabei ist die wiederholte, prominente Nennung des LVB. Dies freut uns sehr, auch wenn die negative Einstellung zum LVB zwischen den Zeilen nicht verborgen bleibt. Der selbe Journalist hat schon während der Abstimmung zur Bildungsvielfalt auf gleiche Weise polemisiert, nicht eben erfolgreich allerdings.
Der LVB ist überzeugt, dass die Thesen von Michael Winterhoff für die zukünftige Schulentwicklung richtungsweisend sein müssen, will man weiterhin gute Resultate in Vergleichstests und Pisastudie erzielen und wenn psychisch gefestigte junge Menschen heranwachsen sollen. Der erfahrene Kinderpsychiater bleibt seinem Fach treu, indem er vor allem die heute möglichen Verhältnisse von Eltern zu ihren Kindern analysiert und sich zum Ziel setzt, diese für ihn fatalen Entwicklungen mit seinem persönlichen Einsatz zu durchbrechen. Bezüglich Schule nimmt er zwar kritisch zu den Reformen Stellung, die auf Partnerschaft und Symbiose setzen, mischt sich aber nicht in die Gestaltung des Schulalltags und die Belange des Lehrberufs ein.
Im Übrigen begegnet der LVB genau den Aussagen von Herrn Winterhoff kritisch, hinter denen er heute selber nicht mehr steht. So hat der LVB Kinder niemals als Tyrannen oder Monster bezeichnet, auch wenn der Journalist dies mit seiner Titelsetzung "Lehrerverein hält Kinder für Tyrannen" in der Berichterstattung vom Montag den 16. März 09 impliziert hat.
Remo Largo bezeichnet die Thesen Winterhoffs als abstrus und spricht seinem deutschen Kollegen die wissenschaftliche Legitimation ab. Mindestens behauptet dies der Journalist. Dabei steht die Frage im Raum, ob Herr Largo denn für sich in Anspruch nimmt, dass seine Erkenntnisse als Wissenschaft zu bezeichnen seien.
Mit seinen Forderungen, Lehrpersonen sollten den Kindern in der Schule 42 Stunden zur Verfügung stehen und am Küchentisch im Elternhaus ein vertrauensvolles Verhältnis mit den Erziehungsberechtigten aufbauen, mischt er sich in die Belange eines Berufsstandes ein, von dem er offensichtlich nicht viel Ahnung hat. Man stelle sich 4- bis 8-jährige Basisstufenkinder vor, die nach "den anstrengenden Schulstunden" noch bis abends mit dem Lehrer reden wollen oder einen Fachlehrer der Sekundarstufe I, der vier Klassen, also gegen 100 Kinder unterrichtet und genau so viele Küchen kennen lernt!
Im Artikel erscheint es so, als unterstelle Herr Largo den Lehrpersonen im heutigen Schulsystem einen "autoritären Erziehungsstil", der die Akzeptanz der Schülerinnen und Schüler durch die Lehrperson verhindere und als ob dies dazu führe, dass die kindliche Kreativität abgewürgt werde und die Kinder zu "Untertanen, Leibeigenen und Knechten" erzogen würden. Die Unerlässlichkeit der Reformen sei damit gegeben. Bleibt zu hoffen, dass diese Zitate nicht wirklich Herrn Largos Meinung wiedergeben, sondern der journalistischen Bearbeitung des Materials zuzuordnen sind.
Der LVB vertritt als Berufsverband Lehrerinnen und Lehrer, die tagtäglich von ihrem Interesse an der best möglichen seelischen, sozialen und fachlichen Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler geleitet sind, die eine angemessene Distanz zu der Privatsphäre der Kinder und deren Familien wahren und die bei schwerwiegenden Problemen erkennen, wann sie die Verantwortung an zuständige Fachstellen abgeben müssen. Er vertritt Berufsleute, deren Ziel es ist, einen wertschätzenden Umgang zwischen allen Beteiligten anzustreben und für welche Integration, Sozialisation und soweit möglich Individualisierung zwingende Voraussetzung für guten Unterricht sind, welcher der Wissensvermittlung dient.
Und dann noch dies: Der LVB steht nicht allen Aussagen von Herrn Largo kritisch gegenüber. In einzelnen Bereichen stimmt der Berufsverband durchaus mit ihm überein, nur wurden diese in den vorliegenden Artikeln nicht angesprochen.
Bea Fünfschilling, Präsidentin LVB