Stellungnahme des LVB zur Thematik Lernlandschaften

Stellungnahme des LVB zur Thematik Lernlandschaften

Geschätzte Mitglieder

Die mediale Berichterstattung der letzten Tage zur Thematik der Lernlandschaften hat zu diversen Anfragen von Mitgliedern bezüglich der Haltung der LVB-Geschäftsleitung zu diesem Unterrichtsmodell geführt. Wir nehmen aus diesem Anlass wie folgt Stellung:

Einer der wichtigsten Eckpfeiler des LVB-Berufsverständnisses ist die Freiheit der Lehrpersonen in der Gestaltung ihres Unterrichts. Diese Freiheit halten wir für ein überaus kostbares Gut, welches nicht ohne Not beschnitten werden darf. Der LVB bekennt sich zu methodischer Vielfalt unter Wahrung der Authentizität der Lehrkräfte. Pädagogischen Fragen wohnt zumeist eine gewisse Mehrdeutigkeit inne. Viele Wege können letzten Endes nach Rom führen.

Wenn sich engagierte Lehrpersonen aus innerer Überzeugung und aufgrund pädagogischer Reflexion für ein bestimmtes Unterrichtskonzept entscheiden, gibt es für den LVB keinen Anlass, dieses Unterrichtskonzept per se in Frage zu stellen. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn vorgesetzte Stellen Lehrpersonen top-down mit einer bestimmten Methode zwangsbeglücken wollen.

Die Erfahrung zeigt, dass Schulentwicklung ausschliesslich bottom-up gelingen kann. Lehrerinnen und Lehrer zu einer Art von Unterricht zu zwingen, die ihren Überzeugungen zuwiderläuft oder ihrer Berufserfahrung widerspricht, ist hingegen eher mit einem Burnout-Förderprogramm vergleichbar.

Die ganze mediale Hektik der letzten Tage und die dahinter stehenden heftigen Konflikte an gewissen Schulen hätten sich aus Sicht des LVB vermeiden lassen, wenn sich alle Beteiligten an den Grundsatz „bottom-up statt top-down“ gehalten hätten – oder wenn nur schon überall ein angemessenes Führungsverständnis vorhanden wäre. Das Verweigern einer transparenten, offenen Diskussion oder das Verhängen von Maulkörben sind vollkommen inakzeptable Vorgänge und einer liberalen Gesellschaftsordnung unwürdig. Die Freiheit des Denkens und der Meinungsäusserung sind elementare Voraussetzungen für das Vermitteln von Bildung.

Ein wertschätzendes Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher pädagogischer Ansätze an einer Schule ist dann möglich, wenn eine Gruppe von Lehrpersonen aus eigenem Antrieb ein neues Modell zur Anwendung bringen kann, ohne dass ihre Kolleginnen und Kollegen deswegen von vorgesetzter Stelle vorauseilend in dasselbe Modell gedrängt oder gar gezwungen werden. Vorbildlich gelungen ist dies beispielsweise dem Gymnasium Bäumlihof (vgl.http://www.lvb.ch/docs/magazin/2013-2014/03-Januar/26_GBplus_LVB_1314-03.pdf).

Der LVB lehnt Lernlandschaften und andere Formen selbstorganisierten und individualisierenden Lernens keinesfalls pauschal ab, zumal ausgedehnte Übungs- und Vertiefungsphasen ja (hoffentlich) ohnehin zum Standardrepertoire jeder Lehrperson zählen sollten und Selbständigkeit letzten Endes das Ziel aller Bildung ist. Für alle Formen von Unterricht gibt es gelungene und misslungene Fallbeispiele.

Aktuell ist jedoch in Sachen Schulentwicklung die Tendenz zu beobachten, dass alles, was in Richtung Selbstorganisation und Individualisierung geht, als uneingeschränkt positiv bewertet wird, wogegen alles, was auf vermittelnden Unterricht im Klassenverband hindeutet (z.B. das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch, Erzählungen, Veranschaulichungen und Erklärungen der Lehrperson oder von ihr gelenkte Plenumsdebatten), als veraltet und unwirksam konnotiert ist.

Es ist diese Einseitigkeit, gegen die sich der LVB zur Wehr setzt. Weder soll eine einzelne Methode als allen anderen überlegen dargestellt werden, noch soll man verschiedene Lerntechniken als „progressiv“ versus „konservativ“ gegeneinander ausspielen. Am sinnvollsten erscheint uns immer noch ein angemessener methodischer Mix, abgestimmt auf die Bedürfnisse und Ansprüche der jeweiligen Lerngruppe. Und schliesslich müssen wir als gewerkschaftlich denkender Berufsverband auch darauf hinweisen, dass der Vor- und Nachbereitungsaufwand einer Unterrichtsform innerhalb der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit zu bewältigen sein muss.

Möglichkeiten und Grenzen selbstgesteuerten Lernens sollen auf gewerkschaftlicher, politischer und auf pädagogischer Ebene offen diskutiert werden können. Die gewerkschaftliche Ebene betrifft die Frage, welche Unterrichtsformen in der zur Verfügung stehenden Zeit in welcher Qualität möglich sind. Die pädagogische Diskussion lanciert der LVB, indem er den bekannten Kinder- und Jugendpsychologen Prof. Allan Guggenbühl an die Delegierten- und Mitgliederversammlung vom 18. März eingeladen und ihm den Auftrag erteilt hat, aus entwicklungspsychologischer Sicht darzustellen, in welchem Umfang und Zusammenhang selbstgesteuertes, individualisierendes Lernen sinnvoll ist. Im Anschluss an das Referat haben Sie die Möglichkeit, auch Ihre diesbezüglichen Erfahrungen aus der Praxis einzubringen.

Durch die Rückmeldungen und Diskussionen der vergangenen Tage und Wochen ist die LVB-Geschäftsleitung überdies zur Überzeugung gelangt, dass sich mit der Vorstellung flächendeckender Einführungen alternativer Unterrichtsmodelle an bestimmten Schulstandorten eine Frage auftut, die vorab einer politischen Klärung bedarf: Wie weit soll die Teilautonomie der geleiteten Schulen in pädagogischer Hinsicht gehen?

Konkret: Ist es politisch gewollt und opportun, dass Schulleitung und Schulrat an einem Schulstandort ein bestimmtes Unterrichtskonzept zum einzig geduldeten Modell erklären können? Die LVB-Geschäftsleitung spricht sich im Geiste der methodischen Freiheit der Lehrerinnen und Lehrer klar gegen ein derartiges Verständnis von Teilautonomie aus. Gleichzeitig muss auch geklärt werden, inwieweit bzw. ab wann bei solchen Themen die Eltern schulpflichtiger Kinder miteinbezogen werden müssen.

Die LVB-Geschäftsleitung ist intensiv daran, diese Diskussion mit möglichst vielen Akteuren im Bildungsbereich zu führen. Auch Ihre Rückmeldungen als LVB-Mitglieder sind jederzeit herzlich willkommen.

Ihre LVB-Geschäftsleitung


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